Gedicht

Wenn der Akku leer ist

Leonie Baumgärtner,

Kerschensteinerschule Stuttgart,

Klasse12

Ich hab Freunde.
Zumindest sagt das mein Handy.
Bunt leuchtende Namen,
Nachrichten im Sekundentakt,
lachen in Sprachnachrichten.
Herzen, Flammen, Daumen hoch.

Immer online-
und trotzdem manchmal unfassbar allein.

Ich scroll mich durch gleiche Gesichter,
seh Leben, seh Glanz
Seh perfekte Fotos, perfekte Momente –
Und irgendwo dazwischen verschwinde ich selbst ein bisschen.
Verloren zwischen Filtern und Schein und dem,
was ich wollte, sein.

Denn hinter jedem „Wie gehts?“
Versteckt sich längst ein Algorithmus
der mir sagt
wie es mir zu gehen hat.
Ich bin nur ein User,
ein User einer scheinbar perfekten Welt.
Ich bin nur eine Zahl,
eine Zahl eines geschriebenen Systems

Wir nennen es Freiheit –
Und sitzen aber doch hinter Gittern unseres Feeds.
Unsere Gedanken: gelenkt –
Unsere Wünsche: verschenkt.
Wir nennen es Verbindung,
doch oft fühlt es sich an wie
ein leerer Moment.

Ich tippe, ich like.
Ich such nach Nähe im blauen Licht
doch finden tu ich sie nicht.
Ich sehe Programme, kalte Fenster
Die behaupten zu wissen, was mein Herz gerade bricht.

Ich sehe Gesichter,
aber nur durch Glas.
Ich höre Stimmen,
doch nicht was gesagt.
Kein Blick, der bleibt
Kein Lächeln, das antreibt.

Sie nennen es Kommunikation
doch manchmal klingt es
wie Worte ohne Sinn,
Nachrichten ohne Grund,
Sätze ohne Beginn.

Wir sind zwar sichtbar,
doch kaum gesehen.
Zwar laut,
doch nicht gehört.
Gefiltert. Unecht.

Doch manchmal da passierts
Eine ehrliche Nachricht,
Unperfekt –
Perfekt –
einfach echt.
Ein Wort das wahrhaftig wärmt.
Ein Satz der von Bedeutung bleibt.
Ein Buch, dass darauf wartet, beschrieben zu werden.
Hier weiss ich: Das bindet,
auch wenn alles andere verschwindet.

Digitalisierung ist kein Feind –
Aber auch kein Freund,
dem man blind vertraut.

Wir müssen lernen,
die Technik zu benutzen ohne Unser selbst in ihr zu verliern.
Wir müssen lernen,
Nähe neu zu denken:
nicht nur zu liken,
sondern wahrhaftige Echtheit zu zeigen.

Ich will verbunden sein,
nicht ferngesteuert.
Ich will echt sein,
nicht optimiert.
Ich will Mensch bleiben-
auch online

Denn am Ende zählt nicht,
wie viele mich sehen,
sondern der, der bleibt
Wenn der Akku leer ist.
Wenn kein WLAN mehr da ist.
Wenn’s dunkel wird
und nur ein Mensch noch Licht macht.

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